Am gestrigen Samstag, 12.10.2019, gab es vor dem  veganen Café Fiete Behnersens v-cake auf der Rothenburger Straße Dresden eine Kundgebung der Freien Arbeiter_innen Union (FAU). Die Gewerkschaft wirft dem Betrieb das Unterlaufen von Arbeitsrechten durch Scheinselbstständigkeit vor. In einem Erlebnisbericht (pdf) schildern ehemalig dort Arbeitende zudem „toxische Arbeitsbeziehungen“, „sexistische Muster“ und „rassistische Äußerungen“, die den Arbeitsalltag geprägt haben sollen.

Seit Jahrzehnten setzt sich die Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung für eine vegane Lebensweise ein. Flyer wurden verteilt, Schlachthöfe blockiert und Demonstrationen organisiert, um so auf den grausamen Umgang mit anderen Tieren in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen und ein Umdenken anzustoßen. Aus dem Umfeld unserer Gruppe wurde der erste rein vegane Imbiss in Dresden gegründet – Mitte der 2000er Jahre noch fest verankert in einer vom Mainstream kaum beachteten veganen Subkultur. Regelmäßig veranstalteten wir zum Weltvegantag am 1. November Aktionen und im AZ Conni wurden von uns die Vegan-Brunchs etabliert.

Seit einigen Jahren wächst nun das Angebot an veganen Lebensmitteln und Restaurants, weltweit wird nach tier- und umweltfreundlicheren Alternativen geforscht und die Kritik an den Folgen industrieller Landwirtschaft und intensiver Tierhaltung wird lauter. Sollten wir uns da nicht auf die Schulter klopfen und uns über das stetig wachsende Angebot freuen? Ist es nicht ein großer Widerspruch, dass wir jetzt – wo veganes Leben endlich einfacher und selbstverständlicher wird – ein veganes Café für deren Arbeitsbedingungen kritisieren? Sollten wir nicht vielmehr froh darüber sein, dass auch hier in Dresden ein vielfältige vegane Gastronomie entstanden ist? Diese und viele weitere Fragen haben wir uns gestellt, als die FAU uns kontaktierte und über die Missstände im Fiete Behnersens v-cake informierte.

In diesem, immer stärker von ökonomischen Interessen beherrschten Sektor, ist es wenig verwunderlich, dass das Bestreben, Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse zu bekämpfen und zu überwinden, auf der Strecke bleibt.

Die Antwort viel uns relativ leicht, denn die heutige vegane Bewegung hat wenig mit den solidarischen und herrschaftkritischen Aspekten gemein, welche der Tierbefreiungsbewegung und somit unserer Gruppe zu Grunde liegen. Zum Tragen kommt heute stattdessen eine neoliberale Vorstellung von Freiheit. Über den individuellen Konsum sollen gesellschaftliche Veränderungen herbeigeführt werden. „Der Sieg marktförmigen Bewusstseins könnte nicht  vollständiger sein“ schreibt Fahim Amir in Anspielung an den Vegan-Boom, ganz richtig. „Die praktische Kritik an sogenannten Auswüchsen des Kapitalismus äußert sich im Verkauf kapitalistischer Produkte.“ In diesem, immer stärker von ökonomischen Interessen beherrschten Sektor, ist es wenig verwunderlich, dass das Bestreben, Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse zu bekämpfen und zu überwinden, auf der Strecke bleibt.

"Wir würden gern das ein oder andere Wort darüber verlieren, wie die Freundlichkeit und Offenheit, die das vermeintliche Bild des süßen veganen Cafés prägen, hinter der Theke und in der Küche schwer auffindbar waren, gepaart mit weiteren strukturellen Problemen ..." Ein Bericht von ehemalig dort Arbeitende (PDF)

Der Bericht schildert die Arbeitsverhältnisse im Café v-cake. Er wurde von ehemalig dort Arbeitende verfasst und während der Kundgebung verteilt und vorgelesen. (PDF)

Der Grundgedanke des Veganismus – gegen alle Formen der Unterdrückung und Ausbeutung einzutreten – wurde von Anfang an (seit 1944) im Begriff verankert. Der Veganismus war in erster Linie eben nicht eine Ernährungsform, sondern stellte symbolisch die Befreiung aller fühlenden Individuen aus Herrschaft, Kapitalismus, Unterdrückung und Ausbeutung dar. Problematisch ist, dass z.B. im Fiete Behnersens v-cake veganes Essen und tierschutzrelevante Themenabende groß geschrieben werden, jedoch intern die Bedürfnisse von Mitarbeiter*innen ignoriert werden. Eine Auseinandersetzung bzw. eine Sensibilisierung der Ausbeutungsverhältnisse der eigenen Mitarbeiter*innen und eine konsequente Überprüfung der eigenen Privilegien der Betreiber*innen des v-cakes findet offenbar nicht statt. Hier wird symbolisch deutlich, dass die vegane Bewegung das kapitalistische System nicht als Ganzes hinterfragt. Anstatt neue, solidarische oder kollektive Möglichkeiten auszuloten und einem emanzipatorischen Ansatz zu folgen, orientieren sich die Betreiber*innen des v-cakes an bestehenden Arbeitsverhältnissen, die Arbeiter*innen in die Scheinselbständigkeit zwingen. Vegan zu leben bedeutet in diesem Fall leider nicht auch solidarisch oder kollektiv zu handeln. Es findet keine Sensibilisierung aller Ausbeutungszustände statt. Übrig bleibt ein fader Geschmack, der so gar nichts mehr mit einem Befreiungskampf zu tun hat.

Sollten Betreiber*innen veganer Locations nicht mit gutem Beispiel voran gehen, über den eigenen (veganen) Tellerrand schauen und ein Gefühl für die Arbeitsbedingungen ihrer Mitarbeiter*innen entwickeln? Wäre das nicht eine Voraussetzung für einen gesellschaftlichen Wandel auf ganzer Linie? Eine vegane Bewegung, die sich selbst ernst nimmt, muss intersektional denken. Sie muss Ausbeutung auf allen Ebenen ablehnen.

Veganismus ist uns wichtig, aber nicht alles, worum es geht! Wir müssen die Ursachen hinterfragen, die ein ausbeutendes System schafft – egal ob für menschliche oder nichtmenschliche Tiere. Wir können alle dazu beitragen, dass sich nicht nur das Mensch-Tier-Verhältnis, sondern auch das Verhältnis zwischen Arbeiter*innen und Unternehmer*innen ändert, denn Ideen, Mittel und Möglichkeiten sich einzumischen sind enorm. Lasst uns das gesamte Ausmaß der Ausbeutungszustände hinterfragen damit „für die Befreiung von Mensch UND Tier“ nicht nur eine hohle Phrase ist!


 

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