Nach dem wir bereits 2008 und 2013 u.a. mit Lesungen an der Uni Dresden das Feld „Tierversuche“ thematisiert hatten, ging es am 19. September im Stadtteilhaus Dresden-Neustadt erneut um Experimente an Tieren. In einer sehr detaillierten Präsentation stellte Dr. dipl. chem. Elisabeth Craemer-Schwarz von „Ärzte gegen Tierversuche e.V.“ die vielen Kritikpunkte am Tierversuch vor, beleuchtete die Strukturen und Abläufe in der tierexperimentellen Forschung und informierte über Alternativen.

In ihrem etwa 1 ½ stündigen Vortrag wurde deutlich, warum Tierversuche nicht geeignet sind, die Wirkung und Gefährlichkeit von Stoffen für den Menschen zu beurteilen. Dr. Elisabeth Craemer-Schwarz zeigte sich jedoch optimistisch, denn mittlerweile erkennen immer mehr Wissenschaftler*innen, Politiker*innen und Bürger*innen, dass Tierversuche nicht halten, was sie versprechen und die Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf den Menschen übertragen werden können. Als Beispiele für Innovationen, welche Tierversuche ersetzen (könnten) erläuterte sie den „Human-on-a-Chip“, Echtzeitsimulatoren wie den Operationstrainer und Lungensimulator und stellte ein Virtual-Reality-System vor, bei dem Chirurgen rein virtuell üben können. Abgerundet wurde der Vortrag mit einigen kurzen Filmausschnitten. Auf 13 Ausstellungstafeln boten wir zusätzlich Informationen über die verschiedenen Aspekte des Tierversuchs an.

„Jede Substanz vergiftet nur bestimmte Tierarten (bzw. nur in bestimmten Dosen). Man kann daher mit Tierversuchen »beweisen«, was man will, und ebenso das Gegenteil. Wenn man die passende Tierart wählt, kann man ein Medikament je nach Belieben als harmlos oder als giftig, als wirksam oder als nutzlos hinstellen. Der Tierversuch ist also eine unwissenschaftliche Methode, ein methodologischer Irrtum; und eine Wissenschaft, die sich auf eine falsche Methodologie stützt, kann nur eine schlechte Wissenschaft sein. Diesen Irrtum zu beseitigen ist unsere Aufgabe.“
Prof. Dr. med. Pietro Croce

Für einen Paradigmenwechsel in der tierexperimentellen Forschung könnte man zusammenfassend folgende drei Schwerpunkte ausmachen:

  • Politik: Auf politischer Ebene müssen Entscheidungsträger gewonnen werden. Es ist dringend nötig Forschungsgelder umzuschichten, denn die tierversuchsfreie Forschung benötigt mehr Geld, sofort. Während Tierversuche mit mehreren Milliarden finanziell gefördert werden, stehen der tierversuchsfreien Forschung jährlich nur etwa 4-5 Millionen Euro staatliche Unterstützung zur Verfügung.
  • Bildung: Tiere sind keine Sachen. Diese banale Aussage ist leider immer noch nicht an Schulen und Universitäten angekommen. Immer noch wird von der Grundschule („Zooschule“) bis zur Uni Tieren der Objektstatus zugewiesen. Die Förderung von Empathie und ein anderes Verständnis im Umgang mit nichtmenschlichen Tieren ist daher aus unserer Sicht ein wichtiger Punkt – der auch im Vortrag thematisiert wurde. Der Verein ‚Mensch Tier Bildung‘ leistet emanzipatorische Bildungsarbeit zum gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnis. Von den Ärzten gegen Tierversuche gibt es das Jugendprojekt „Harry hilft Tieren“. Angebote dieser Art müssen gestärkt und ausgebaut werden.
  • Bewegung: Und natürlich muss es den Druck von unten geben. In Form von Kundgebungen, Demos und Kampagnen – wie dies zum Beispiel durch die  Air-France-Kampagne und die LPT-Kampagne geschieht – muss die konsequente Forderung nach Abschaffung von Tierausbeutung in die Öffentlichkeit getragen werden. Denn Eines muss klar sein: Tierversuche werden nicht mit netten Gesprächen abgeschafft. Diese Industrie verdient Millionen am Leid der Tiere, Karrieren und Forschungsgelder beruhen auf  tierexperimenteller Forschung und nicht zuletzt dient der Tierversuch der Pharmaindustrie als Alibifunktion. Es müssten also ein paar Leute Macht abgeben, und das tun diese nicht, wenn man sie nur lieb genug darum bittet.

Das alles ist eine sehr große Baustelle, die nicht mit kosmetischen Korrekturen zu verändern ist. Tierbefreiung ist im Gegensatz zu z.B. dem veganen Lifestyle, eine Bewegung, die sehr grundsätzliche Dinge verändern will. Dies wird sicher nicht über Nacht passieren – aber wir haben einen langen Atem und werden weiter kämpfen.

Eine Trendwende lässt sich seit unseren Vorlesungen an der Uni Dresden 2008 leider nicht erkennen. Laut offizieller Tierversuchsstatistik (Tierversuchszahlen vom Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft) starben im Jahr 2008 insgesamt 2.692.890 Tiere im Labor. Die Statistik von 2015 weist insgesamt 2.753.062 Tiere aus. So war bereits bei der Planung zur Reihe „Learning to fly“ Anfang des Jahres für uns klar, zu dieser Problematik einen Vortrag anzubieten. Unser Ziel, die Argumentation gegen Tierversuche zu schärfen und Möglichkeiten für eine andere Forschung aufzeigen, wurde mit dem Vortrag von Dr. Elisabeth Craemer-Schwarz mehr als erfüllt. Wir freuen uns sehr, dass sie bei uns zu Gast war. Und vielleicht war der Abend für die/den Eine*n oder Andere*n ein Anstoß, sich selbst intensiver mit der Thematik zu beschäftigen.


Weitere Informationen, Kritikpunkte, Argumente etc., die auch beim Vortrag angesprochen wurden, sind unter www.aerzte-gegen-tierversuche.de nachzulesen.

Für den Einstieg empfehlen wir die Broschüre „Hinschauen“, in der die wichtigsten Argumente zusammengefasst sind.

Unser ausführliches Statement zum Thema Tierversuche ist hier nachzulesen.