Beim unserem letzten Lesekreis am 10. November beschäftigten wir uns mit dem Text „Animal Resistors: On the Right of Resistance and Human Duties of Non-Return and Abolition“ (Tierische Widerstände: Über das Recht auf Widerstand und die menschlichen Pflichten bei Nichtrückkehr und Abschaffung) von Michael Allen und Erica von Essen.  Die Thematik Tierliche Widerständler werden wir demnächst unter Zuhilfenahme des Buchs „Schwein und Zeit“ von Fahim Amir vertiefen. Das Buch findet ihr auch bei uns auf dem Büchertisch, z.B. beim nächsten Wintermarkt am 30. November.

Tierische Widerstände (Teil I)

Im Tierbefreiungskontext wird in allgemeiner Selbstverständlichkeit davon ausgegangen, dass Menschen für nicht-menschliche Tiere sprechen und sich für sie einsetzen. Können wir aber auch nicht-menschliche Tiere als Widerständler ansehen? Wie verhält sich die Angelegenheit, wenn nicht-menschliche Tiere bspw. auf dem Weg zum Schlachthof entkommen? Und was bedeutet dies in Konsequenz für die Verpflichtungen, die menschlichen Tieren daraus obliegt?

Um dieser Frage nachzugehen, beschäftigten wir uns mit dem Essay „Animal Resistors: On the Right of Resistance and Human Duties of Non-Return and Abolition“ von Michael Allen und Erica von Essen (den Text gibt es hier), welches im Dezember 2018 im Journal for Critical Animal Studies erschienen ist.

Das Journal und die Autoren wurden kurz vorgestellt. Die Zeitschrift ist das Sprachrohr des Institutes for Critical Animal Studies, einem internationalen und intersektionalen (siehe hierzu auch Gamerschlag 2011 im Sammelband „Human-Animal Studies“ hier als PDF ) Thinktanks, das seine Wurzeln in der Tierbefreiung und dem Anarchismus sieht. Es versteht sich ganz explizit als Bindeglied zwischen wissenschaftlicher Arbeit und politischem Aktivismus.

Michael Allen ist Professor am Institut für Philosophie der East Tennessee State University (ETSU), Johnson City (TN) und hat bereits mehrfach über Themen wie Gerechtigkeit und Zivilem Ungehorsam bis hin zu politischer Tierethik und Umweltkommunikation publiziert.

Erica von Essen ist Forscherin innerhalb der Umweltkommunikationsdivision der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften in Uppsala. Sie studiert Mensch-Wildtier-Interaktionen, inklusive Konflikte, ethische Verbindungen und der Politik zu Richtlinien von Tiertötungen. Ihr aktuelles Projekt ist auf die Veränderung von Jagdethiken fokussiert.

Zentrale Thesen:

  • Tierlicher Widerstand ist ein gemeinsames Tier-/Menschen-Projekt
  • Widerstandshandlungen sind nicht auf Menschen beschränkt.
  • Tiere sind abhängig von menschlichem Engagement

Genereller Aufbau des Papers:

  • Bemerkungen zur Methodik
  • Betrachtung verschiedener Fälle von Tierausbrüchen bzw. –fluchten
  • Diskussion der philosophischen Literatur über Widerstand und Möglichkeiten der Adaption derselben auf Tiere
  • Ausarbeitung eines Konzeptes für vernunftbegabte zur Beschreibung tierlichen Widerstands

Die Methodik basiert auf den drei folgenden Primärquellen:

  • Untersuchung tierlichen Widerstandes
  • Mediale Rezeption von Tierausbrüchen
  • Aktuelle Literatur über das Verständnis tierlicher Kognition (Signal-Verarbeitung, Wahrnehmung, Verhalten, …)

Die Öffentlichkeit sieht heute erfolgreiche tierliche Widerständler und Flüchtige so an, dass sie das Recht haben, ihr Leben in einem Lebenshof (oder ähnlichen Einrichtung) zu verbringen. Dies geht allerdings nicht mit einer allgemeinen, systembezogenen Kritik an der Tierausbeutung und –tötung einher.

Die Literatur beschäftigt sich viel mit menschlichem Widerstand gegen die Tierausbeutungsindustrie, aber wenig mit der Rolle nicht-legaler Aktivitäten durch Tiere gegen ihre systemische Unterdrückung in der Fleischproduktion.

Die Autor*innen beziehen sich auf die Intersektionalität von Unterdrückungen: demnach sind alle Unterdrückungsformen verbunden innerhalb eines hierarchischen Systems von Ethnie und Geschlecht, aber auch von Spezies.

Es werden einzelne Vorkommnisse angesprochen, bei denen es zu Tierfluchten kam und wie die jeweilige mediale Rezeption aussah. Dies haben wir innerhalb des Lesekreises noch vertieft. Dabei wurden die zwei folgenden Fälle ausführlicher behandelt:

  • Die Tamworth Two (Butch und Sundance / Foto oben): zwei Schweine, die auf dem Weg zum Schlachthof in Südostengland entkamen, indem sie sich durch einen Zaun quetschten, den Fluss Avon durchschwammen und in nahgelegenen Gärten Unterschlupf fanden
  • Die Nysa-Kuh: eine Kuh in Polen, die aus einem Schlachthaus entkam, zu einer unbewohnten Insel schwamm und weiter floh, als Feuerwehrleute versuchten, sie wieder einzufangen

Beide Fälle erhielten ein vergleichsweise hohes Medienecho. Was in dieser Rezeption aber nahezu immer fehlte, war eine allgemeine Infragestellung unseres Verhältnisses zu Tieren in den Gesellschaften, in denen wir leben. Genau hier aber sehen die Autor*innen einen guten Ansatzpunkt zur Kritik im Sinne der Tierbefreiung.

Um die aktive Rolle der Tiere im Widerstand zu beschreiben und zu kommunizieren bedarf es des Handelns vernunftbegabter Wesen, i.e.: der menschlichen Tiere.

Die Pflichten, die den Menschen aufgrund der tierlichen Handlungen obliegen, können grob in zwei Kategorien eingeteilt werden:

  • Negative Pflichten -> keine Rückgabe der entkommenden Tiere an den jeweiligen Betrieb, aus dem sie ursprünglich entflohen waren
  • Positive Pflichten -> fallbezogene Kritik am bestehenden System von Ausbeutung, Unterdrückung und Tötung

Schließlich argumentieren die Autor*innen, dass Tierbefreiung auf den funktional unterschiedlichen Rollen sowohl menschlicher als auch tierlicher Akteure als Co-Beitragsleistende in einem gemeinsamen Projekt vollständiger Befreiung beruht.

Nach der Vorstellung der Publikation fand eine offene Diskussion zu dem Thema im Lesekreis statt. Dabei wurden folgende Punkte besprochen:

  • Der Fall der sechs aus dem „Dresdner Weihnachtscircus“ entflohenen Zebras, von denen eins beim Versuch, sie wieder einzufangen, aus Stress starb (ähnlich wie die Nysa-Kuh, nachdem diese eingefangen wurde, s.o.)
  • Die Frage, ob zwischen (klein-)bäuerlicher Landwirtschaft und industrieller Tierausbeutung unterschieden werden sollte, welche Gemeinsamkeiten und welche Differenzen es zwischen den beiden Formen gibt. Die Diskussion darüber war durchaus kontrovers.
  • Die wichtige Frage, welche Konsequenzen sich aus den Ergebnissen dieser wissenschaftlichen Arbeit ziehen lassen; von wesentlicher Bedeutung ist hier wohl die Art und Weise, in der Tierfluchten als Formen von Widerstand kommuniziert werden.
  • Es wurde kritisch bemerkt, dass bei Fragen der Definition (unter anderem von Widerstand) zwar ganz allgemein zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Tieren unterschieden wird, einzelne Beispiele aber von sehr unterschiedlichen Spezies nichtmenschlicher Tiere handeln und somit keine wirklich saubere, speziesbezogene Trennung bei der Beurteilung tierlicher Handlungsweise vorgenommen wurde.

Wie oben angekündigt, werden wir das Thema weiter verteifen. Wir haben zudem beschlossen, den Lesekreis in gleicher Weise fortzuführen, wie wir ihn bisher auch gehandhabt haben. Die Termine und Themen veröffentlichen wir hier in Kürze.

Unser nächste Lesekreis findet am 1. Dezember in der Chemiefabrik anlässlich des dort stattfindenden Veganen Wintermarkts statt. Es geht um Birgit Mütherich und wird vorbereitet und durchgeführt vom Tierbefreiungsarchiv.

Foto: Tamworth Two (Butch and Sundance), Oast House Archive,  Rare Breeds Centre / CC BY-SA 2.0